Magda Toffler oder ein Versuch über das Schweigen

In seinem eindringlichen Monolog Magda Toffler oder ein Versuch über das Schweigen betreibt der der Autor und Regisseur Boris Nikitin Ahnenforschung.

Nikitins Mutter stammt aus der Slowakei. Sein Vater ist halb Franzose und halb Ukrainer mit russischen Wurzeln. Nikitin selbst wurde in der Schweiz geboren. Als seine Großmutter mit 87 Jahren stirbt, erfährt Nikitin, dass sie in einer jüdischen Familie aufwuchs. Dass sie dementsprechend selbst Jüdin war. Dass er selbst jüdisch ist.

Als junge Frau versteckte sich seine Großmutter in den letzten Jahren des zweiten Weltkriegs monatelang in einer Scheune in der Ostslowakei, während ein Großteil ihrer Familie in den deutschen Vernichtungslagern umgebracht wurde.

All dies behielt sie bis zu ihrem Tod für sich. Nach dem Ende des Krieges gründete sie eine Familie, wurde die erste Professorin für Chemie in der jungen sozialistischen Tschechoslowakei und verschwieg selbst vor den eigenen Töchtern ihre jüdische Herkunft.

Bestechend einfach und direkt gestaltet der Schweizer Theatermacher seinen intimen Bericht – auf der Bühne befinden sich nur ein Stuhl, der Text und sein Autor. Er liest, setzt bewusst Pausen, und erzählt in knappen 70 Minuten von den Ursachen und Folgen des Schweigens im Angesicht vergangener und gegenwärtiger Katastrophen. „Ein Abend, der weit über das Private hinausreicht“, urteilte die Süddeutsche Zeitung. Eine „Tiefenbohrung in die verborgenen Schichten des europäischen 20. Jahrhunderts“ beschreibt Nikitin selbst diesen Abend.

Magda Toffler oder ein Versuch über das Schweigen ist die zweite Arbeit, in der der gefeierte Regisseur und Theatermacher selbst die Bühne betritt. Sein erstes Solo, Versuch über das Sterben, in dem er die Krankheit und den Tod seines Vaters sowie das eigene Coming Out thematisiert, ist seit Jahren international auf Bühnen unterwegs und nun zum ersten Mal beim Festival Perspectives zu erleben.

— Credits: ©Konrad Festerer
— Credits: @Konrad Festerer

Boris Nikitin, geboren in Basel als Sohn ukrainisch-slowakisch-französisch-jüdischer Einwanderer, bringt authentische Stücke auf die internationalen sowie deutschsprachigen Bühnen der freien Szene. Er ist künstlerischer Leiter des Festivals der dokumentarischen und propagandistischen Künste It’s The Real Thing – Basler Dokumentartage. Seit 2007 setzt er sich mit der Darstellung und Konstruktion von Identität und Realität auseinander. Seine Stücke loten die Grenzen zwischen Illusionstheater und Performance, zwischen Wahrheit und Lüge aus, etwa in Werken wie Imitation of Life (2009) oder How to win friends & influence people (2013).

Alte Feuerwache

Am Landwehrplatz
D-66111 Saarbrücken

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Konzept, Text und Performance Boris Nikitin Produktionsleiterin Annett Hardegen Outside Eye Annett Hardegen, Matthias Meppelink

Im Auftrag von Steirischer Herbst, Staatstheater Nürnberg, It’s The Real Thing Produziert von Steirischer Herbst 22, It’s The Real Thing Koproduktion Kaserne Basel, Ringlokschuppen Ruhr, Théâtre Vidy Lausanne, HAU – Hebbel am Ufer Berlin, Frascati Amsterdam, Theater Chur, Staatstheater Nürnberg, Omanut