Passagen in Portbou

Dekanat Saarbrücken, Heiner Buchen / Daniela Rodriguez

Wie fühlt es sich wohl an, zur Flucht gezwungen zu sein? Was bedeutet es, wenn das ununterbrochene Unterwegssein, überfüllte Schlauchboote auf dem Mittelmeer, meterhohe Stachelzäune, Hunger und bürokratische Hürden zum neuen, brüchigen Leben gehören?

Mit derartigen Fragen haben sich 65 Jugendliche aus Saarbrücken, Lothringen, Nantes, Sarajevo und Târgu Jiu zwei Wochen lang im Rahmen eines Sommercamps in Spanien beschäftigt. Unter der Anleitung internationaler Choreograf*innen haben sie ein mitreißendes und nuancenreiches Tanztheaterstück voller Energie entwickelt, das die Zuschauer*innen mit seinen einprägsamen Bildern wachrüttelt.

Dabei spielt auch der Ort des Jugendaustauschs eine besondere Rolle, war doch die an der spanisch-französischen Grenze liegende Gemeinde Portbou in den 1930/40er Jahren eine Exilstation, die Vielen entweder zur Rettung verhalf oder zur Sackgasse wurde. Letzteres gilt für Walter Benjamin, den berühmten Philosophen und Denker der Moderne. Nach einem kilometerlangen Fußmarsch über die Pyrenäen in dem kleinen Küstenstädtchen ankommend, verweigern ihm spanische Grenzwächter aufgrund eines fehlenden Stempels für seine Ausreise aus Frankreich die lebensrettende Einreise. Aus Angst, abgeschoben und an die Nazis ausgeliefert zu werden, wählt er den Freitod. Um an dieses sowie an alle anderen tragischen Schicksale der massenhaft Vertriebenen zu erinnern, errichtete der israelische Künstler Dani Karavan 1994 die begehbare Denkmalanlage Passagen in Portbou.

Genau hier setzen die jungen Tänzer*innen an: Begleitet von Benjamins Gedankenreich tanzen, singen und kämpfen sie eindrucksvoll dagegen an, dass die unzähligen Menschen auf der Flucht vergessen werden. Ihre Bewegungen schreien NEIN zu nationalistisch gefärbten Abwehrhaltungen und JA zu einer humanen Gesellschaft, in der es Platz für einen offenen und respektvollen Umgang unterschiedlicher Kulturen gibt. Das Projekt, 2018 ausgezeichnet mit dem Bundespreis des Bündnisses für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt, verleiht so all jenen eine Stimme, die in der Geschichte stumm bleiben mussten. Ein wahrhaft sehenswertes Tanztheaterstück, das für Zusammenhalt und Schutz plädiert.

 

 

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