Das Regiekollektiv Rimini Protokoll ist weltweit bekannt für seine dokumentarischen Theaterarbeiten. Mit ihrer spezifischen Art, die Realität auf die Bühne zu holen, gelten Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel als Trendsetter in der Theaterwelt: sie bauen ihre Inszenierungen um die Lebensgeschichten so genannter Experten des Alltags. Im Januar und Februar dieses Jahr hielten die drei Köpfe des Theaterlabels in Kooperation mit der Universität des Saarlandes und des Staatstheaters Saarbrücken eine Poetik-Dozentur für Dramatik. Nachdem sie bereits 2008 mit Karl Marx: Das Kapital. Band 1 und Cargo Sofia – Saarbrücken beim Festival PERSPECTIVES eingeladen waren, gastieren sie in diesem Jahr mit dem Stück Herr Dagacar und die goldene Tektonik des Mülls. Helgard Haug und Daniel Wetzel haben genauer hingeschaut und lenken unseren Blick auf vier Wertstoffsammler aus Istanbul. Die vier Männer sammeln hauptberuflich Müll in den Straßen Istanbuls und, indem sie von ihrer nächtlichen Arbeit und darüber hinaus auch von ihrem Leben und ihrer Kultur, ihren Träumen und Albträumen, Hoffnungen und Sehnsüchten erzählen, werden sie unmittelbar zu Protagonisten eines Theaterstücks. Dabei begleitet sie der bekannte türkische Schattenspieler Hasan Hüseyin Karabag und kommentiert ihre Erzählungen mit viel Humor. Wie auch die vorangegangenen Arbeiten von Rimini Protokoll bewegt sich Herr Dagacar und die goldene Tektonik des Mülls in einer Zone zwischen Realität und Fiktion. So beginnt das Stück mit der Erzählung eines Albtraums, während im Laufe des Abends immer deutlicher wird, was den Arbeits-Alltag der Protagonisten bestimmt: die Istanbuler Behörden, die Weltmarktkurse für Kupfer, Stahl, Gold, Papier und seit der Zusammenarbeit mit Helgard Haug und Daniel Wetzel auch die Frage, welche Konsequenzen die Theaterarbeit für die fünf Wertstoffsammler hat. Und das ist neu an der Theaterarbeit des gefeierten Regiekollektivs: In diesem Stück wird die produktionseigene Metaebene ihres Arbeitsprozesses freigelegt. Fragen, die sich in der Anfangsphase stellen, werden von den Protagonisten auf der Bühne verhandelt: Was bedeutet es für einen Wertstoffsammler, sein Leben auf Festivalbühnen auszubreiten? Wie greift das Bühnenunternehmen in seine Existenz ein? Und welche Rollen spielen die Klischees, die die beiden aufeinander treffenden Milieus vom jeweils anderen haben? Den beiden Rimini-Köpfen Haug und Wetzel gelingt es, diese unterschiedlichen Erzählstränge zu einem gelungenen und unterhaltsamen Dokumentar-Theaterstück zu verweben.
„Einmal mehr gelingt den Rimini-Protokollanten Helgard Haug und Daniel Wetzel in dieser Koproduktion mit der Kulturhauptstadt Istanbul die so detaillierte wie kitschfreie Nahaufnahme eines theaterfernen Milieus.“
Tagesspiegel, 12.03.2011
„Ein dramaturgisch wohl komponierter Abend, aufklärerisch ohne Zeigefinger, unprätentiös, humorvoll.“
Die Tageszeitung, 30.11.2010
„Diese Veranstaltung wird ermöglicht durch das NATIONALE PERFORMANCE NETZ im Rahmen der Gastspielförderung Theater aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie der Kultur- und Kunstministerien der Länder.“
Von Helgard Haug und Daniel Wetzel
Mit: Abdullah Dagaçar, Aziz Ídikurt, Bayram Renklihava, Hasan Hüseyin Karabag, Mithat Íçten
Dramaturgie: Sebastian Brünger
Regieassistenz: Pinar Basoglu
Bühne: Yigit Adam
Sound Design: Selcuk Artut
Licht Design: Turan Tayar, Patrick Tucholski
Video: Engin Demir
Ton Design Assistenz: Alp Tugan
Licht Design Assistenz: Ahmet Ozan Tarhan
Ton: Ata Güner, Thorsten Schwarzbach
Istanpoli Koordinator: Asli Demir
Produktionsleitung: Katja Sonnemann, Heidrun Schlegel
Premiere in Istanbul 15. Oktober 2010
Herr Dagacar und die goldene Tektonik des Mülls ist eine Produktion von garajistanbul im Rahmen von ISTANPOLI, mit Unterstützung der Kulturhauptstadt Europas ISTANBUL.2010, in Koproduktion mit dem HAU, Rimini Apparat, der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010, Rotterdamse Schouwburg und Utrecht Stadschouwburg.
Aufführungsrechte: schaefersphilippen Theater und Medien GbR